Fisch des Jahres

Der Edelkrebs ist Fisch des Jahres 2019

 

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Der „Fisch“ des Jahres 2019 in Österreich ist der Edelkrebs: Was ist denn da passiert, werden Sie sich womöglich fragen. Wie kann der Edelkrebs, als eindeutig wirbelloser Vertreter der Crustacea zum FISCH des Jahres gewählt werden? In Österreich zählen die decapoden (zehnfüssigen) Krebse neben Neunaugen, Großmuscheln und Fischen eben zu den Wassertieren im Sinne der Fischereigesetze. Den Landesfischereiverbänden war es wichtig, neben den drei für die Internet-Wahl nominierten Fischarten (Koppe, Barbe, Zander) auch dem Edelkrebs eine Chance zu geben.

Unter www.fisch-des-jahres.info konnte jeder Interessierte abstimmen: der Edelkrebs hat es schließlich mit einem Stimmenanteil von 42 Prozent geschafft, vor dem Zander (25 %), der Koppe (17 %) und der Barbe (16 %). Wie schon in den Vorjahren beim Seesaibling (2017), der Elritze (2016) und der Nase (2015) möchte man sich 2019 seitens der Fischereiverbände und Fischereiorganisationen verstärkt dem Edelkrebs widmen mit Öffentlichkeits-und Aufklärungsarbeit sowie mit Unterstützung von Projekten. Alleine schon mit der Überschrift „Der Edelkrebs als österreichischer Fisch des Jahres 2019“ wird man in jedem Fall Aufmerksamkeit erzielen! Aber nicht umsonst heißen Flusskrebse im Englischen Cray-Fish!

Der Edelkrebs (Astacus astacus L.), der Steinkrebs (Austropotamobius torrentium Schr.) und der Dohlenkrebs (Austropotamobius pallipes Le.) sind heimische Flusskrebsarten, wobei der Edelkrebs (Astacus astacus L.) der größte heimische Vertreter mit einer Länge von bis zu 20 cm ist. Er war vor dem Ausbruch der Krebspest in Europa und Österreich weit verbreitet und in allen Gewässertypen beheimatet, in den großen Seen wie dem Wolfgangsee, dem Fuschlsee, dem Zeller See aber auch in geeigneten Fließgewässern. Er war DIE Flusskrebsart in Mitteleuropa, in oft sehr hohen Dichten vorhanden. Aufgrund der Veränderung seines Lebensraums, durch das Auftreten der Krebspest und aufgrund direkter Verdrängung durch eingesetzte, amerikanische Krebse ist er heute weitgehend verschwunden.

 

Gewässer des Edelkrebses

Damit sich der Edelkrebs erfolgreich vermehren kann, muss das Heimatgewässer im Sommer zumindest eine Temperatur von 15 °C erreichen. Es ist nicht richtig, dass er ausschließlich absolut sauberere, klare und kühle Gewässer bevorzugt: diese Meinung stammt aus den Beobachtungen nach dem Seuchenzug der Krebspest, durch die oft nur mehr Restbestände von Edelkrebsen in den Oberläufen der Bäche (und somit in den nährstoffarmen, sauberen und kühlen Gewässern) übrig geblieben sind. Dieser Umkehrschluss ist aber nicht richtig. Der Edelkrebs braucht strukturreiche, na­turbelassene Gewässer der Äschen-und Barbenregion, nutzt auch Seen, Stauräume und Teiche. Er ist erstaunlich unempfindlich gegenüber organischer Belastung. Empfindlich reagiert er auf chemische Verschmutzung aus Industrie und Gewerbe. Gewässer mit einem pH-Wert unter 5,5 werden nicht besiedelt, da es wegen des Kalkmangels zu erheblichen Problemen beim Panzeraufbau

 

Lebensweise des Edelkrebses

Krebse sind nachtaktiv, weshalb man in der Regel tagsüber kaum Krebse zu Gesicht bekommt, denn da hocken die Krebse in ihrem Unterschlupf, in einer Höhle im Uferbereich, unter Steinen oder Wurzeln. So sind sie vor potentiellen Fressfeinden halbwegs gut geschützt. Bei Einbruch der Dunkelheit wagen sich die Krebse aus den Verstecken um auf Nahrungssuche zu gehen. Der Aktivitätsradius hängt von der Wassertemperatur ab. Entgegen bisheriger Meinungen nehmen Edelkrebse auch im Winter bei Wassertemperaturen um 2°C und unter der Eisdecke Nahrung auf (Hager, 2018), wobei die zurückgelegte Entfernung vom Versteck stark eingeschränkt ist.

Der Edelkrebs als richtiger Allesfresser nimmt alles von pflanzlicher bis hin zu tierischer Nahrung. Sowohl abgestorbenes Pflanzenmaterial von Wasserpflanzen oder Laub, aber auch weichblättrige Unterwasserpflanzen und Algen sind wichtige Nahrungsbestandteile. Bei tierischer Nahrung werden wirbellose Tiere wie Würmer, Egel, Insektenlarven, Schnecken und Muscheln gerne genommen, aber auch verletzte, kranke und frisch gestorbene Fische und Frösche werden in Gemeinschaftsarbeit ver­zerrt. Krebse nehmen daher eine wichtige Rolle im Ökosystem ein und gelten als eine Art „Gewässerpolizei“.

 

Kein Wachstum ohne Häutung

Krebse haben einen festen Außenpanzer, der sich nicht ausdehnt. Um an Größe und Volumen zunehmen zu können, müssen sie sich häuten. Das bedeutet, dass sie den alten, äußeren Panzer abstreifen bzw. sich aus diesem herausschälen müssen: darunter ist der neue Panzer bereits angelegt, der allerdings anfänglich noch weich ist, damit sich der Krebs ausdehnen und somit an Größe zunehmen kann. Nach rund 3 Tagen ist dieser weiche, neue Panzer ausgehärtet. Während dieser Zeit nennt man ihn Butterkrebs – ein Hinweis auf die Weichheit des Panzers.

Die Zeit der Häutung ist für den Krebs eine große Herausforderung: er muss es schaffen, möglichst schnell und vollständig alle 10 Gliedmaßen, Antennen, aber auch seine Kiemen und den Magen aus dem alten Panzer heraus zu bekommen. Schafft er dies nicht, verendet der Krebs. In der Zeit als But­terkrebs – also bis zur Aushärtung – ist der Krebs sehr empfindlich und leichte Beute für Räuber. Vor allem der Aal ist hier zu nennen, weil dieser aufgrund seines schlangenförmigen Körpers bis in die Höhle des Krebses vordringen kann. Kleine, junge Krebse, die noch wachsen, müssen sich öfter häuten als ausgewachsene Krebse. Ein Edelkrebsmännchen durchläuft in seinem Leben zwischen 20-25 Häutungen. Krebse – so auch der Edelkrebs – können verlorene Gliedmaßen (z. B. bei Kampf mit anderen Männchen) über mehrere Häutungen wieder nachbilden. Die nachgebildete Schere ist dann meist kleiner. Krebse können Gliedmaßen aber auch bei Störung abwerfen.

 

Fortpflanzung

Im dritten oder vierten Lebensjahr tritt die Geschlechtsreife beim Edelkrebs ein: Weibchen sind dann meist 8-9 cm, Männchen 11-12 cm groß. Die Paarungszeit beim Edelkrebs ist im Oktober/November bei 12°C Wassertemperatur. Zu dieser Zeit werden die Krebse tagaktiv. Das Weibchen wird vom Männchen auf den Rücken gedreht, das Spermapaket wird mit den Begattungsgriffeln um die Geschlechtsöffnung oder an das Schwanzende des Weibchens angeheftet. Erst bis zu 6 Wochen nach der Begattung kommt es zum Eiabstoß. Dafür produziert das Weibchen ein Schleimzelt. Dieser Schleim löst die Spermapakete und umhüllt auch noch die an die Schwimmfüßchen angehefteten Eier für 3 bis 4 Tage. Für eine ausreichende Sauerstoffversorgung werden die Schwimmfüßchen mit den 100-250 angehefteten Eier hin und her bewegt.

Zusätzlich betreibt das Weibchen eine Eipflege: verpilzte, abgestorbene Eier werden entfernt. Für die Entwicklung der Eier ist eine Kältephase von unter 5 °C erforderlich. Von der Eiablage bis zum Schlupf der Jungkrebse braucht es 1.500 Tagesgrade (T°), sodass die Krebse ca. im Juni schlüpfen. Sie bleiben anfänglich noch einige Tage bei der Mutter, flüchten bei Störung unter ihren Hinterleib, um dann nach ihrer zweiten Häutung selbstständig ihr Leben zu bestreiten.

 

Gefährdung des Edelkrebses

Er zählt zu den gefährdeten heimischen Tieren und wird nach der aktuellen Roten Liste der gefährdeten Tiere Österreichs als „stark gefährdet“. Die Gründe für den Rückgang sind die negative Veränderung des Lebensraums (wie z. B. Drainagierungen von Kleingewässern, Grabenräumungen, Regulierungen), das Auftreten der aus Amerika eingeschleppten Krankheit Krebspest und den importierten amerikanischen Krebsarten, die in direkter Konkurrenz mit dem Edelkrebs treten. Selbst wenn die „Amerikaner“ den Krebspest-Erreger nicht tragen, so gerät der Edelkrebs zumeist ins Hintertreffen.

 

Der Edelkrebs in der Geschichte

In den vergangenen Jahrhunderten waren Krebse schon immer eine beliebte Eiweißquelle für die menschliche Ernährung. Krebse kamen in hohen Dichten vor, waren leicht zu fangen, und man konnte sie über weite Strecken wesentlich leichter und einfacher transportieren als Fische. Allein Paris verbrauchte im 19. Jahrhundert zwischen 7 und 10 Millionen Speisekrebse pro Jahr (Hager, 2018). Die österreichisch-ungarische Monarchie lieferte noch im Jahr 1900 378 Tonnen Krebse nach Deutschland und ebenso viele nach Paris (Hager, 2018). Die Bischöfe wollten sich in der Vergangen­heit natürlich den kulinarischen Genuss von Krebsen nicht entgehen lassen und daher waren die sog. Hofküchenseen-Fischer verpflichtet, jährlich eine bestimmte Menge an Krebsen an den Hof zu liefern. So mussten z.B. 1760 jährlich 14.000 Stück Edelkrebse als sog. „Dienstkrebse“ aus dem Zeller See (Pinzgau) an den Erzbischof von Salzburg geliefert werden. Im Zeller See gab es im 16. Jahrhun­dert 9 Krebsfangplätze.

Seit 1665 gab es eigene Hofkrebsträgerinnen, die wöchentlich die Krebse vom Zeller See nach Salzburg trugen. In Wien bei der heutigen Schwedenbrücke gab es einen eigenen Krebsrichter, der die Zulieferungen auf tote und kranke Krebse untersuchte, bevor sie auf den Krebsmarkt zum Verkauf kamen. Micha, genannt der „Krebskönig“, ein Berliner Händler und Hoflieferant schuf großartige „Krebsgärten“, in denen er ca. 720.000 Stück Krebse überwinterte (Hager, 2003).

Um 1880 kam dann die Krebspest dazu, die den Edelkrebsbestand zum Erlöschen brachte. Erste Besatzversuche mit dem galizischen Sumpfkrebs (als europäische Art empfänglich für den Krebspesterreger) waren vergeblich, 1969 wurde der amerikanische Kamberkrebs besetzt, der bis heute den Zeller See besiedelt. Historische Zeitungsmeldungen belegen den Rückgang der Krebsbestände.

 

Die Krebspest: das Aus für den Edelkrebs

Grundsätzlich gäbe es Österreich noch viele krebstaugliche Gewässer, nur leider wurde bereits 1860 in Europa (Lombardei) der Erreger der aus Amerika stammenden Krebspest eingeschleppt. Diese Krankheit breitete sich innerhalb der nächsten 30 Jahre wie eine Epidemie aus und vernichtete flächendeckend zahlreiche, heimische europäische Krebsbestände. Der Erreger dieser Krankheit ist ein Schlauch-oder Eipilz mit dem wissenschaftlichen Namen Aphanomyces astaci.

 

Quelle / Literatur

Daniela Latzer (2018): Salzburgs Fischerei, 29. Jahrgang Heft 4 Dezember 2018, adaptiert

Hager Hannes (2018): Flusskrebse: Biologie – Zucht – Bewirtschaftung, Leopold-Stocker Verlag, Graz, 128 Seiten

Hager Hannes (2003): Edelkrebse: Biologie – Zucht – Bewirtschaftung, Leopold-Stocker Verlag, Graz, überarbeitete Auflage 2003

Flusskrebse und Großmuscheln im Bundesland Salzburg (2003): Dr. Robert A. Patzner (Hrg.), Universität Salzburg, 78 Seiten

Petutschnig J. (2009): Rote Liste der Flusskrebse (Decapoda) Österreichs.- In: Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (Hrsg.): Rote Listen gefährdeter Tiere Österreichs. Checklisten, Gefährdungsanalysen, Handlungsbedarf. Teil 2: Flusskrebse, Köcherfliegen, Skorpione, Weberknechte, Zikaden. Grüne Reihe des Lebensministeriums, Band 14 (3), Wien Böhlau Verlag.


 

Bild Fisch des Jahres 2019 – Copyright: BAW-IGF/Wolfgang Hauer_2019